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Steinsel Central Cemetery

Luxemburg weist derzeit mit circa zwei Prozent das größte demographische Wachstum in Europa auf. Nach allen Prognosen wird die Bevölkerungszahl in den nächsten Jahrzehnten weiter ansteigen und bis zum Jahr 2060 die Millionengrenze überschreiten. Steinsel liegt derzeit mit einem jährlichen Wachstum von 1,43 Prozent unter dem nationalen Durchschnitt, durch seine Nähe zur Hauptstadt und dem Plateau Kirchberg wird die Gemeinde aber in Zukunft mit einem stärkeren Anstieg konfrontiert sein. Um diesem Wachstum Folge zu leisten, investiert die öffentliche Hand derzeit vermehrt in technische und soziale Infrastrukturen. Dazu gehört auch der Ausbau der Friedhöfe, für die mit deutlich mehr Grabstellen zu rechnen sein wird. Darüber hinaus werden die Friedhöfe einer immer heterogeneren Bevölkerungsstruktur mit verschiedenen Konfessionen und unter-schiedlichen Bestattungsverhalten wie Einäscherungen und Green burials Rechnung zu tragen haben. 

 

Gleichzeitig ist der Grund und Boden nicht vermehrbar und muss nachhaltig genutzt werden. Gerade in Ballungsgebieten, wo mit den meisten Bestattungsfällen zu rechnen ist, ist der Grund und Boden besonders wertvoll. Die in Luxemburg bestehende Friedhofs-infrastruktur ist jedoch im Gegenteil von einer extensiven und monofunktionalen Flächennutzung gekennzeichnet. Meistens werden Grabfelder im Schachbrettmuster hinzugefügt, die kaum auf zukünftige Veränderungen im Bestattungsverhalten zu reagieren vermögen. Selbst die immer beliebter werdenden Aschestreuungen und Urnen-bestattungen können den ansteigenden Flächenverbrauch der hiesigen Friedhöfe nicht ausreichend abfedern. Über die Problematik des Flächenverbrauchs hinaus bleibt die Frage eines pietätsvollen Umgangs mit den sterblichen Überresten aufgelöster Gräber nach Ablauf der Konzessionen eine Grauzone. 

Ossarium

Einsegnungshalle

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Die Gemeinde Steinsel hat den Anspruch, für diese Herausforderung ein innovatives, nachhaltiges und gesamtheitliches Projekt zu entwickeln: zum einen in der Anlage der Gräber, zum anderen in Form eines modernen Ossariums, und schließlich mit der Realisierung einer zeitgemäßen Einsegnungshalle.  

 

Heute besitzt die Gemeinde Steinsel zwei Friedhöfe: den historischen Friedhof in Steinsel um die Kirche herum sowie den in den 1970er-Jahren angelegten Friedhof in Heisdorf. Die Planung der Gemeinde konzentriert sich auf die Erweiterung und den Umbau der Friedhofanlage in Heisdorf, wo bereits Flächen in Gemeindeeigentum für diese Erweiterung vorgesehen sind. Diese Flächen erstrecken sich über ein Gelände, das in West-Ost-Richtung ein Gefälle von über acht Meter aufweist. In einem ersten Schritt wird dieses Gelände anhand einer Anlage von Stützmauern in Naturstein in unterschiedlich große horizontale Plateaus mit Feldern terrassiert, die flexibel bespielt werden können: mit verschiedenen Grabformen wie klassischen Gräbern oder Urnengräbern, Einzel- oder Familiengräbern. Einige Felder können auch nicht-christlichen Religionen wie Juden oder Muslime mit ihren Besonderheiten (Grabrichtung, ewiges Ruherecht, usw.) zur Verfügung 

gestellt werden. Dadurch finden diese Konfessionen sich wieder, ohne von der Gemeinschaft segregiert zu werden. Im Gegenteil: Der Friedhof wird wie das Ideal einer Stadt zu einer Gemeinschaft unterschiedlicher Glaubensrichtungen mit verschiedenen Plätzen, die diese Felder miteinander artikulieren. Diese Plätze werden mit Wasserentnahmestellen ausgestattet sowie mit Bänken zum Verweilen. Als Verbindungselement zwischen dem bestehenden und dem erweiterten Friedhof wird ein grünes Band fungieren, dass dem natürlichen Wasserverlauf (Drainagegraben) und Baumbestand folgt und landschaftsarchitektonisch angelegt wird. Das Projekt sieht vor, möglichst keinen Baum zu fällen, sondern den Baumbestand mit weiteren Pflanzungen zu ergänzen. Die gesamte Anlage soll ein parkähnlicher öffentlicher Raum mit hoher Aufenthaltsqualität werden. Die Transformation des bestehenden Friedhofs in einen solchen Landschaftsfriedhof war der größte Wunsch, den die Bürgerschaft von Steinsel während des Bürgergesprächs geäußert hat. Mit einer intensiven Bepflanzung soll der Friedhof somit als Park auch zu einem Spaziergang und zum Verweilen einladen: Hier herrscht die Ruhe, die Ruhesuchende oft so vermissen.

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Als zentrales Objekt sieht die Planung ein zeitgemäßes Ossarium vor – ein sekundärer Bestattungsort nach Grabauflösung. Hier werden die sterblichen Überreste einen würdigen Sammelaufbewahrungsort finden, der anders als in historischen Ossarien nicht unmittelbar einsehbar sein wird, sondern hinter transluzenten Glasbausteinen nur von Angehörigen und anderen Besuchern gespürt werden kann. Gleichzeitig wird mit dem Ossarium den Bürgern auch ein kommunaler Gedenkort geboten, mit einer ausgeprägten Schwelle als Übergang vom Friedhof in einen intimen, unter der Erdoberfläche sich befindenden Garten, der nur durch Licht, Raum, Materie und Vegetation zum Kontemplieren einladen wird.

Schließlich wird der Friedhofsanlage noch eine Einsegnungshalle hinzugefügt, die Platz für mindestens 80 Personen bieten wird. Sie wird als Gebäude den neuen Eingang in die Friedhofsanlage markieren und wie das Ossarium sich subtil in die Landschaft einschreiben.

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Architekt: Studio Hertweck, Florian Hertweck

Landschaftsarchitektur: OLM, Philippe Coignet

Wissenschaftliche Vorbereitung und Begleitung: Dr. Thomas Kolnberger

Ausführungsplanung/Bauleitung: Daedalus Engineering, Marc Prommenschenkel

Bauherr: Gemeinde Steinsel - Luxemburg

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